Freiburg Weingarten Kiosk Freiburg Westarkaden


Oh, Täuschungen sind stark, fast so wie das Leben.
Ich träumte letzte Nacht, ich sei im Labyrinth,
und erwachte anderswo. Den Ort erkannt ich nicht.
(Edwin Muir, Das Labyrinth)


Freiburg. Eine kurze Geschichte zweier Städte


Die Stadt und der Rest

Warum Freiburg? Was ist das Besondere an dieser Stadt?
Weil man, so glaube ich, an Freiburg fast exemplarisch andeuten und verstehen kann, wie lautlos in den letzten Jahren die Zweiteilung einer Stadt vor sich gehen kann, wie bürgerliche Wohnviertel klar von der chaotischen Peripherie getrennt werden (was ja ein Teil der Idee Hausmanns war bei der Umgestaltung von Paris, Lyon oder Marseille), wie sich ein Bürgertum, stark geprägt von grünen Prinzipien, sich eine Stadt schaffte, in der ein paar Raubüberfälle ausländischer Jugendlicher (sog. unbegleitete minderjährige Flüchtlinge) ein Gespenst darstellt, das den Ruf nach einer Bürgerwehr weckt, in der in Wahlkampfzeiten auf Plakaten artgerechte Haltung für Tiere gefordert wird, aber keine soziale Stadt oder artgerechte Haltung für Menschen.
Freiburg ist in Japan oder China mittlerweile bekannter oder zumindest so bekannt wie Berlin seit sich die Stadt auf der Expo in Shanghai mit einem eigenen Pavillon darstellen konnte, in der geschickt die idyllische Altstadt, der Schwarzwald und die Umweltpolitik mit den Schwerpunkten Nahverkehr und dem weitgehend autofreien Stadtteil Vauban verknüpft wurden. Das Quartier Vauban wurde zum Vorzeigestadtteil, ist aber ein Solitär geblieben.
Der danach entwickelte Stadtteil Rieselfeld ist beherrscht von üblichen Geschossbauten und das 'Heldenviertel', so genannt, weil die Straßen die Namen von Generälen und Schlachten des 1. Weltkrieges tragen, wurde, anstatt ähnliches wie im Vauban zu versuchen, Investoren und Immobilienmaklern überlassen.
Nicht bei einem hiesigen Dichter, nicht ganz überraschend, sondern beim mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes findet man die poetisch stärkste und liebevollste Charakterisierung:
Freiburg war wie eine ehrwürdige Königin aus Stein, mit den Füßen im Wasser und einer Fichtenkrone …
Im November 1944 wurde die Stadt in einem Luftangriff der Royal Air Force zu 80% zerstört.
In der 1000jährigen Geschichte haben drei Stadtplaner die Stadt geprägt: der Gründer, der Zähringerherzog Konrad, der Oberbürgermeister Winterer, der am Ende der Kaiserzeit bis 1913 die moderne Stadt prägte und Joseph Schlippe nach 1945, der beim Aufbau den Grundriß und die Straßenführung der alten Zähringerstadt beibehielt und es so fertig brachte, den Eindruck einer mittelalterlichen Stadt wieder herzustellen.
Zwischen diesen genannten, aber vor allem danach, gab es keine Stadtplanung mehr, die den Namen verdiente und keinen Stadtplaner, der diesen Namen verdiente.
In der Geschichte Freiburgs ist nur ein Gebäude entstanden, das architektonisch herausragend ist, das um 1200 im romanischen Stil begonnene und 1534/1536 in hochgotischem Stil vollendete Münster, dessen Westturm, 1330 vollendet, als der schönste Turm der Christenheit gilt.
Die Altstadt und die bürgerlichen Wohngebiete werden konserviert, zur Kulisse, ist Mimikry, während die Peripherie im Westen und Südwesten mit schlechtem Geschmack und planlos in die Rheinebene wuchert. Die Hochhaussiedlungen wie Weingarten und Landwasser, die nicht außergewöhnlich häßlich oder heruntergekommen, und auch nicht zu vergleichen sind mit den Banlieus in Marseille oder Paris, machen aber die Zweiteilung der Stadt sichtbar.

Wie ist es zu verstehen, daß der Oberbürgermeister rigoros die Renovierung des Freibades im Westen aus Geldmangel ablehnt, aber gleichzeitig den Neubau eines Stadions betreibt, für das die Stadt mit geschätzten 20 Millionen bürgen müßte? Ist da ein Muster zu erkennen? Und wenn, welches? Nichts einzuwenden ist gegen das Privileg eines Damenbades in der Wiehre, mit dessen Einmaligkeit in der Bundesrepublik sich die Stadt schmückt, aber das einfache Prinzip des Laßt uns Brot und Sonne teilen (Octavio Paz) scheint in dieser Stadt nicht mehr zu gelten.
Oder wie ist es zu verstehen, daß nicht ernsthaft über die Einführung des Sozialtickets nachge- dacht wird und es nicht möglich sein soll, für die Wagenburg 'Sand im Getriebe' einen Stellplatz zu finden, deren Wagen abgeschleppt wurden, mit der fadenscheinigen Begründung, eine andere städtische Einrichtung benötige den Platz für für die Lagerung von Baumaterialien? Liegt der doppelte Kern des Pudels darin, daß die, die Stadt verwalten, die, die behaupten, sie seien die Stadt, im Osten wohnen, man kennt sich, man sich trifft auf dem Bauernmarkt am Wiehrebahnhof zum Latte macchiato? (auch an dieser Stelle nochmals ein Hinweis auf ein Wahlplakat der Grünen: links oben sind Karotten zu sehen, daneben ein Bund Radieschen, auf der unteren Hälfte des Plakates auf grünem Fond steht: Hier läßt sich gut leben).
Drückt sich darin eine gewisse Klientelpolitik aus? Die Überlegung, daß im Westen nicht die wohnen, auf die er bei Wahlen für seine Grüne Partei angewiesen ist? Der Westen ist weit weg, die Peripherie ist der Ort des Nutzens, der Ort, an dem sich das Geld schnell amortisieren soll. Die Grundstücke auspressen, billig und einfallslos bauen - das garantiert eine gute Rendite und ist lohnendes Investment, kurz, die Stadt ist zur Beute der Investoren geworden. Das Ergebnis ist architektonische und stadtplanerische Barbarei und Beliebigkeit.
Viele Freiburger verschließen die Augen davor, vielleicht wundern sie sich, wenn sie am Bahnhof vorbei durch die Schnewlin- und Heinrich-von Stephan-Str. bis zum Baslertor fahren über die einfallslosen Bürohäuser, vielleicht sind sie entsetzt, wenn sie die Berliner Allee entlang fahren bis zur Messe und das Monstrum der 'Westarkaden' sehen, ein Gebäude, bei dem man nur die Chuzpe des Projektentwicklers in der Beschönigung der Hässlichkeit durch die Werbesprache bewundern muß. Das Gebäude hat keine Arkaden, es hat kein Gässle und das 'Türmle', an dem gebaut wird, ist sprachlich eine doch eher eine hinterhältige Anbiederung an den Freiburger Dialekt, als ob es genuin zu den Bobbele, den Bächle und den Weckle passen würde. Keinerlei Liebe, nicht die geringste Achtung wird in der Peripherie der Stadt entgegen gebracht, jede Würde wird ihr genommen, aus dem Gossenwasser wird noch Gold gewaschen (Bertolt Brecht). In Die Ästhetik des Widerstandes steht der Icherzähler als Schuljunge im Museum vor einem Brachiosaurus, dessen Hirnansatz kaum ausreichte, um die Bewegungen des riesigen Körpers zu beherrschen … die zugrunde gingen an ihrem maßlosen Wachstum, ausgesetzt den Springern und Jägern, den eifrigen, schnellen, listigen Räubern.

Wem gehört die Stadt? Die Stadt wird nicht mehr als Gemeinwesen und soziale Einheit gedacht, im Rausch des Erfolges wird die Peripherie den Investoren und Maklern überlassen und kühl handelt die Stadt auf dem Immobilienmarkt gegen die sozialen Werte, die die Grundlage des Zusammenlebens bilden.
Freiburg gehört, was die Miet- und Grund- stückspreise angeht, zu den teuersten Städten der Bundesrepublik. Bezahlbarer Wohnnraum fehlt und was anderswo als abnorme Auswüchse des Kapitalismus gebrandmarkt wird, die absurd hohen und schier unerschwinglichen Mieten in Städten wie London oder Paris, wird hier nicht nur nicht hingenommen, sondern gewollt und als Auszeichnung für die Stadt angesehen: Mit dem Eintreten für das Gemeinwohl kann man alles begründen und die Wohnungsnot ist groß und denen, die dagegen etwas tun, muß man entgegenkommen (frei nach Bertolt Brechts Dreigroschenroman).
Die Sprachlosigkeit der einen ist der gewollte Vorteil für die anderen, die behaupten, sie seien die Stadt, die eine Version der Stadt erzählen, die die Gegensätze und Widersprüche, die sich in der realen Stadt auftun, hinter folkloristischer Poesie und Bildern verschwinden lassen.

Sollten wir nicht endlich austreten aus der Postkartenidylle, wie sie in den bunten Photobüchern, in den üblichen Reiseführern, in der Merianschönfärberei oder in einem anderen Verlag als Freiburger Glück gefeiert wird?
Wir leben in einer schönen Stadt, die eingebettet ist in eine Landschaft, die schon als himmlisch, als die Toskana der Bundesrepublik, als paradiesch beschrieben wurde. Seien wir froh, daß wir hier leben, doch sollten wir diese einfältige Haltung gegenüber unserer Heimatstadt aufgeben und nur Mit versiegelten Lippen aussprechendas schwere Wort 'Paradies'. (A prononcer bouche cousue … le dur mot de 'paradis'. (Michel Leiris) … und nachdenklich werden, vielleicht auch etwas demütiger, zumindest etwas und sollten, dann würde sich die Empfindlichkeit unserer Wahrnehmung deutlich steigern, den Rat José Saramagos beherzigen, daß man ansehen muß, was man noch nicht gesehen hat, noch einmal ansehen, was man gesehen hat, im Frühling sehen, was man im Sommer gesehen hat, tagsüber sehen, was man im Dunkeln gesehen hat, bei Sonne, wenn es beim ersten Mal geregnet hat …

Hotel Bahnhof Kaiserstuhl Bahnhof

Aktuell partizipiert Edwin Gantert mit seiner Freiburg-Zusammenstellung am International Artist Gathering in Casablanca, Rabat und Marrakech.
Informationen zum Projekt: boxes zones quarters


Das Moderate

Straßenbahn Freiburg Freiburger Andenken
Einerseits ringt dieses Moderate der großen Kleinstädte den außergewöhnlichen ihrer Einwohner die lächerlichsten Exzesse ab (Franz Schuh), weil es ihnen am Herzen liegt, das außergewöhnliche ihrer Stadt zu betonen, andererseits wird der Durchschnittsbürger im fatalen Glauben gelassen, er gehe durch 'seine' Stadt, die ihm jedoch schon lange nicht mehr gehört. Er geht sicherheitshalber immer die gleichen Wege, die Klischees tröpfeln in die Ohren und Gehirne, bis sie die Wirklichkeit ersetzt haben und das Denken verkleben. Er sieht nur noch, was er sehen soll, die idyllische Altstadt, die mit Olivenbäumen in Kübeln medi- terranes Flair vermitteln soll, die Wurstbuden auf dem Münsterplatz, die Historixtouren, die die Touristen durch eine Stadt der verlorenen Geheimnisse führen. Die Stadt ist in ein behäbiges, selbstzufriedenes Biotop verwandelt worden: Green City, Öko-Hauptstadt oder die Hauptstadt der Illusion?


Am Rande der Altstadt

Altstadt
Am Rande der Altstadt, Blick auf Bürogebäude, das Konzerthaus mit Hotel: sogenannte moderne Stadtplanung, der Platz vor dem Konzerthaus ist nur ein öder Raum, ein Platz, auf dem sich keine Menschen aufhalten können und wollen und so ist dies Ensemble ein Hinweis, wie Städte sich in makellose, doch leere Hüllen verwandeln. (Rafael Chirbes)


Dreisam Stacheldraht

Dreisam Freiburg Stacheldrat
Links: Die Dreisam, kanalisiert, gebändigt, eingezwängt, ein Fluß, der nur davon träumen kann, ein Fluß zu sein und von dem es heißt, es sei der einzige Fluß der Bundesrepublik, der nie über die Ufer tritt.
Rechts: Tür in einer Kleingartenanlage. ....Mein Herz wird eng ...


Die Abschaffung der Schönheit bedeutet das Ende der Verständlichkeit der Welt (Albert Camus)

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