Les.Art


Die Auslese, das verspreche ich, ist gründlich subjektiv und es wird kein Buch in eine Tonne geschmissen oder zerrissen, diese um sich greifende Unsitte im Feuilleton (auch im übertragenen Sinne), die weniger der Information dient als viel mehr der Eitelkeit geschuldet ist. Aus welchem Grund, frage ich mich, lesen diese Leute Bücher, die ihnen nicht gefallen? Wenn sie sie denn überhaupt gelesen haben …
Des weiteren verspreche ich, daß Neuerscheinungen mich weniger interessieren, weil es so unendlich viel noch zu entdecken gibt in der Literatur, die schon lange vorliegt und es Bücher gibt, die es wert sind, mehrmals gelesen zu werden.
Die Verben lesen und lieben vertragen und kennen keinen Imperativ, ich gebe nur Empfehlungen und Hinweise, vielleicht spreche ich hie und da auch mal eine Warnung aus.
Eine Empfehlung möchte ich gleich geben, entziehen Sie sich der Flut der Neuerscheinungen, fliehen sie die Geschäftigkeit des Literaturbetriebes, vertrauen Sie mehr und eher den Trugbildern der Subjektivität oder dem Wahlspruch des Theater Karawane: Ich erzähl euch Geschichten. Vertraut mir.





Ein Buch, das immer auf meinem Schreibtisch liegt und das ich oft in meine Tasche packe, wenn ich aus dem Haus gehe, ist
George Steiner, Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe, Suhrkamp 2006.
Vorsichtig und sorgsam formuliert vermittelt der Autor tiefe Einsichten, und ersetzt, und gerade das ist das großartige an ihm, in seinen Schlussfolgerungen ganze Bibliotheken.
Im Zentrum des Buches steht DAS DENKEN und die Folgen, die sich daraus ergeben: die Traurigkeit, die Melancholie aber auch die Erkenntnis, daß kaum ein Gedanke, den ich denke/wir denken wirklich neu ist, unsere Gedanken sind GEBRAUCHTE GÜTER und Denken, ‚das auf Wahrheit abzielt’, relativiert diese im Ansatz und wird nie zur Wahrheit vordringen können. Das berühmte cogito ergo sum klingt schön und verführerisch, doch zu sehr nach europäischer Aufklärung und sollte vielleicht ersetzt werden durch ICH ATME ALSO BIN ICH. Kein Denken kann die zentralen Fragen unseres Daseins beantworten, was ist der Sinn unseres Daseins, ist der Tod endgültig oder nicht, existiert Gott oder nicht: GEDANKEN, NICHT ZU TIEF FÜR TRÄNEN, DOCH FÜR DAS DENKEN SELBST.


Des weiteren
Juan Goytisolo, Der blinde Reiter, Suhrkamp 2006
eine ‚Auseinandersetzung’ mit dem Tod und dem Alter oder mit dem Leben ab dem Moment, an dem „nichts blieb, das zu bewahren sich lohnte, nicht einmal die Erinnerung.“
Dieser Moment tritt für den Mann mit dem Tod seiner Frau ein. Er findet keinen Schlaf mehr, alte ungeliebte Lieder dröhnen in seinem Gedächtnis, der Schmutz einer fernen Zeit, es ist, als ob durch den Tod ein Riß in der Zeit und in seinem Leben sich aufgetan hätte, der das, was er bisher als normales Leben empfand, nicht mehr zuläßt. Schatten, Ahnungen, den Monolog Gottes, dem er zuhören muß, dem er sich nicht entziehen kann, all das kann er zurücklassen, als er sich sicher ist, die Vergangenheit getilgt zu haben, ein weißes Blatt zu sein, auf dem eine neue Geschichte geschrieben werden könnte. Hoffnung besteht nur für den, der einen fragilen Fortbestand gegenüber der zerstörerischen Kraft der Zeit sich bewahren kann, im Schweigen, im Rückzug.


und
Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans, Suhrkamp 2008
Barthes zitiert Jules Michelet, dem Studenten nach seiner Amtenthebung versicherten: „Wir haben bei Ihnen nichts gelernt. Nur unsere verlorene Seele haben wir wieder gefunden.“ Nicht nur ein bißchen ging und geht es mir ähnlich, wenn ich mein zerlesenes, zerfleddertes, vom Regen etwas aufgequollene Exemplar des Buches nur auf dem Schreibtisch liegen sehe oder wieder in ihm lese: LIEBER DIE TRUGBILDER DER SUBJEKTVITÄT als der Schwindel der Objektivität.
Ich lerne lesen, ich lerne Kriterien für mein Lesen und ich lerne Erstaunliches auf den Seiten (die die Hälfte des Buches einnehmen), auf denen Barthes in die Kunst und Literatur des HAIKU einführt, den Barthes als das höchste Gut des Schreibens bezeichnet. Die metaphysisch-europäische Interpretation hält er für eine krasse Fehlinterpretation, die die Entstehung des Haiku aus dem Chan- Buddhismus (Zen-Buddhismus) und des daoistischen Einflusses außer acht lässt.
Die westliche Gier nach Sinn wird im Haiku nie gestillt, er ist leicht und flüchtig, behandelt die Konstanten des Daseins, Wachstum und Tod, die Jahreszeit nicht als Dauer, sondern als Wiederkehr, ist wie eine sachte Berührung oder eine überraschende Gebärde.
Und ich lernte, mich zu fragen, gibt es eine Notwendigkeit, das zu erzählen und (in der Folge) das zu lesen?



Jack Holland, Misogynie. Die Geschichte des Frauenhasses, Zweitausendeins 2010
Eine furiose, gründliche, engagiert ist viel zu schwach, eher wütende Darstellung des größten Verbrechens in der Geschichte der Menschheit, dem Frauenhass.
Griechische Philosophen, katholische Fundamentalisten, europäische Aufklärer und moderne Philosophen, afrikanisches Brauchtum, alle und alles verbindet ihr Frauenhass. Egal wie und von wem es ausgedrückt wird, ob von Tertullian, einem der Gründerväter der römisch-katholischen Kirche Du bist es, die dem Teufel Eingang verschafft hat, ob von Aristoteles oder Nietzsche oder Rousseau ob im Judentum oder Islam, ob in der griechischen Mythologie oder in der faschistischen Männerideologie und gleichgültig ob die erste Frau Pandora oder Eva heißt, mit ihr soll das Elend in die Welt gekommen sein und das ist auch in der westlichen Welt so tief in den Köpfen verankert, daß wir den Frauenhass meist gar nicht mehr wahrnehmen und aufgeklärte Köpfe Mitglied der katholischen Kirche bleiben, obwohl sich in dieser Institution fast gar nichts geändert hat zwischen Innozenz VIII, der 1484 die sog. Hexenbulle erließ, und dem heutigen Papst.


José Saramago, Die portugiesische Reise, Rowohlt Tb
Rafael Chirbes, Am Mittelmeer, Kunstmann 2001
Zwei Reisebücher, die lesenswert sind, ohne daß man an die Orte reisen muß, die beschrieben werden, die man zuhause lesen kann und die dem Leser genauso Lust aufs Reisen machen wie einfach daheim zu bleiben, jedoch tiefes Verständnis vermitteln, weil die Liebe, mit der sie geschrieben sind und mit der sie die Landschaften, Orte und Menschen beschreiben, zwischen jeder Zeile vibriert und zumindest mir deutlich gemacht haben, was Reiseliteratur ist und was nicht.





Historische Romane

John Vermeulen
Luther Blissett, Q
Umberto Eco, Der Name der Rose, Das foucaultsche Pendel
Richard Weihe, Meer der Tusche






Kriminalliteratur

Fred Vargas Ja, ja, ihre Romane sind Bestseller, ich weiß, aber es ist der Kommissar Adamsberg, für den ich schwärme, der einfach der umwerfendste Polizist der Krimiliteratur ist, die ich kenne, er ist einfach der Beste, ein Wolkenschaufler, ein Philosoph, das ist doch einfach umwerfend: Falls ich mal weit und schnell fliehen müßte, würde ich diesen Roman mit auf die Insel nehmen.


Bram Stoker, Dracula, in der Neuübersetzung von Andreas Nohl, Steidl Verlag 2012
Schon äußerlich ein hinreißendes Buch, in schwarzes Leinen gebunden, mit rotem Vorsatzpapier, zwei Lesebändchen, rot und schwarz, mit äußerst erhellendem Anhang und Nachwort.


Gustav Meyrink, immer zu empfehlen und es reichen die dtv Ausgaben


Javier Marquez Sanchez, Das Fest des Monsieur Orphée, Walde & Graf, Zürich 2011
Der Autor ist Filmkritiker und er verarbeitet in diesem Roman vor allem den Frankenstein Mythos. Anfang der 1920-er Jahre ist in Hollywood ein Film gedreht worden (tatsächlich), der nie in die Kinos kam, weil er, so wurde geraunt, vom Teufel selbst gedreht wurde.
Es beginnt mit einem grausamen Verbrechen in Schottland, in einer abgelegenen Kleinstadt, in der der Pfarrer den Schulkindern einmal im Jahr einen Film zeigt.
Nach dieser Filmvorführung jedoch ermorden die Kinder die Erwachsenen und bringen sich selbst um (keine Sorge, dies ist im Roman keine Blut- und Gewaltorgie der skandinavischen Art). Harry Logan und Inspector Carmichael von Scotland Yard können die Filmrolle sicher stellen, auf der sie jedoch, glücklicherweise, nichts sehen können, denn, wer den Film sehen kann, begeht eine Wahnsinnstat. Bei der Aufklärung des Falles sind sie auf den Schauspieler Peter Cushing angewiesen.
Zusätzlich ist dies Buch auch ein Meisterwerk der Herstellungskunst.


Rudolf Gelpke, Vom Rausch im Orient und Okzident, Klett-Cotta und Ullstein TB (nur noch antiquarisch erhältlich)
Die Frage, welche Bücher ich mitnehme auf eine bevorstehende Reise, ist nie einfach zu entscheiden und muß doch entschieden werden. Auf unsere Reise nach Syrien im Mai 2010 nahm ich, neben einem Kunstreiseführer (und den üblichen Reiseführern, die die Mitreisenden dabei hatten und die sich eher als hinderlich erwiesen), nur das Buch von Gelpke mit und es stellte sich als ein Glücksfall heraus, am Ufer des Euphrat, in den Ruinen von Palmyra, im Café am Fuß der Zitadelle von Aleppo, in der Ruine des omaijadischen Wüstenschlosses Quasr - al – Hair ash Sharqi, auf der Terrasse des Bagdad-Cafes, wo sich die Straße von Damaskus kommend verzweigt, rechterhand geht es in den Irak, linkerhand in den Osten Syriens, nach Rusafa, ein Buch, das dem Reisenden den Orient näher brachte, das zwar Patina angesetzt hat, doch trotzdem in der Behandlung des Rausches, im Westen mit Alkohol, im Orient mit anderen Drogen, entscheidende Fragen stellt, die, wenn sie in seinem Sinne beantwortet worden wären, die Welt vielleicht menschlicher aussehen ließe, wenn westliche Vernunft und Fortschritts- glaube gedämpft worden wären durch orientalischen Rausch.
Während ich dies schreibe, frage ich mich, was wohl aus Sami, unserem Fahrer, geworden ist oder aus Antoine, dem gebildeten Basarhändler im Souk von Aleppo, der Rosa und mich zum Kaffee eingeladen hat und vom Leben im Souk und seinen Kindern erzählte?